Historisches Denken


  • Narrativitätstheorie

    Der narrativen Geschichtstheorie zufolge wird zwischen der „Vergangenheit“ als der Realität in zurückliegender Zeit und der „Geschichte“ als der einzigen möglichen Form eines späteren (retrospektiven) Zugangs zu Vergangenheit(en) unterschieden. „Geschichte“ nimmt notwendigerweise eine sprachliche Form an, die die Vergangenheit jedoch weder vollständig abbilden kann noch will. In einer historischen „Narration“ werden ausgehend von einer Fragestellung retrospektiv mindestens zwei verschiedene, zeitlich differente Ereignisse sinnhaft miteinander verknüpft, sodass eine sprachlich vermittelte Verlaufsstruktur entsteht (Rüsen, 1983; 2013). Somit ist die Narrativität die zentrale erkenntnislogische Figur aller Formen historischen Denkens. Diese hat nichts zu tun mit der „Fiktionalität“ (z.B. einer Novelle) oder dem „Stil“ (z.B. die „erzählende“ Geschichtsschreibung eines Golo Mann), vielmehr haben alle historischen Aussagen zumindest ihrer Tiefenstruktur nach die Form einer Narration.

  • Geschichtsbewusstsein

    Eng mit der Narrativitätstheorie verknüpft ist das Konzept des Geschichtsbewusstseins, welches im deutschsprachigen Kontext seit den 1970er-Jahren diskutiert und erforscht wurde (u.a. Borries, 1988; Jeismann, 1977, 1988; Pandel, 1987, 2005b; Rüsen, 1983, 1994a, 2008). Unter anderem über die Rezeption der englischsprachigen Arbeiten von Rüsen (zusammengefasst in Rüsen, 2005) wurde das „concept of historical consciousness“ (Clark, 2014, S. 84) auch im angelsächsischen und skandinavischen Raum wirksam (Jensen, 2003; Seixas, 2006). Geschichtsbewusstsein wird gemeinhin als eine die Grenzen des Unterrichtsfachs übersteigende und die Gesellschaft adressierende Kategorie verstanden, die notwendig konstruktivistische Komponenten enthält. Jeismann (1977) definierte das Geschichtsbewusstsein als einen Zusammenhang zwischen Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftserwartung. Hiermit stellte er – wie auch Rüsen (1983, 2013) oder Schreiber et al. (2006) – heraus, dass Geschichte von heute aus erzählt wird und eine Orientierungsfunktion für die Gegenwart und Zukunft besitzt.

  • Quellen & Darstellungen

    Die Fähigkeit zum kritischen historischen Denken basiert auf der begrifflichen Trennung von Vergangenheit und Geschichte sowie auf der Unterscheidung von und dem kritischen Umgang mit Quellen und Darstellungen. Im Geschichtsunterricht in Deutschland steht seit den 1970er Jahren der regelgeleitete Umgang mit Quellen (Quellenkritik, Quellenanalyse und ‑interpretation) im Vordergrund (Schneider, 2010). In ihrem Alltag jedoch werden Schülerinnen und Schüler sehr viel häufiger mit historischen Narrationen (z.B. in Filmen, TV-Geschichtsdokumentationen, multimedialen Darstellungen im Internet, in Computerspielen, politischen Reden oder Gedenkveranstaltungen) konfrontiert. Um mit der sie umgebenden Geschichtskultur reflektiert und kritisch umgehen zu können und (selbst‑)reflexiv nach deren Bedeutung für historische Orientierung zu fragen, sollten sich die Lernenden der epistemologischen Voraussetzungen von geschichtlichem Wissen bewusst sein und demzufolge befähigt werden, historische Narrationen zu de-konstruieren (Hasberg & Körber, 2003; Körber et al., 2007; Schreiber, 2002).

  • Perspektivität

    Die grundsätzlich perspektivische Verfasstheit von Geschichte wurde mit der Durchsetzung der narrativen Geschichtstheorie in Deutschland (Koselleck, Mommsen & Rüsen, 1977) für Quellen wie auch Darstellungen als konstitutives Element historischer Erkenntnis offen gelegt (Baumgartner, 1997; Bergmann, 2007; Borries, 2000/2004; Lücke, 2012; Rüsen, 1983; Schöner, 2007). Das Prinzip der Perspektivität wird auf drei Ebenen bezogen (u.a. Bergmann, 2007; Borries, 2000/2004): (1) Auf der Ebene der Quellen wird aufgrund der Sichtweisen der Menschen, die in der Vergangenheit in einen historischen Sachverhalt verstrickt waren, von einer „Multiperspektivität“ gesprochen. (2) Auf der Ebene der Darstellungen entsteht die „Kontroversität“ durch unterschiedliche Sichtweisen der retrospektiv auf einen historischen Sachverhalt“ blickenden Historiker, Ausstellungs- und Filmemacher, politische Redner, usw. (3) Auf der Ebene der historischen Orientierung muss eine „Pluralität“ der Urteile über einen historischen Sachverhalt ermöglicht werden. Die Triftigkeit bzw. Plausibilität historischer Darstellungen und Urteile (Rüsen, 1983, 2013; Schreiber et al., 2006) wird in einer pluralen, auf den kritischen Umgang mit Quellen und Gegenwartsdeutungen rekurrierenden Diskussion ausgehandelt. Die kritische Auseinandersetzung mit und um Geschichte erfolgt also perspektivisch, aber methodisch kontrolliert. Strukturell liegen dem Prozess die beiden Basisoperationen des historischen Denkens, die Re- und De-Konstruktion, zugrunde.